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Foto farbig: Diverse Zeitungen in KacheleffektSie blättern gerade im FREIeBÜRGER, der Freiburger Straßenzeitung, und fangen an meinen Artikel zu lesen? Dann haben Sie mit größter Wahrscheinlichkeit bei einem/einer unserer VerkäuferInnen auf Freiburgs Straßen den FREIeBÜRGER gekauft. Eine sehr gute Entscheidung! Aus welcher Motivation heraus? Kaufen Sie den FREIeBÜRGER zum ersten Mal, oder sind Sie seit Jahren Stammleser?

Durch diesen Artikel möchte ich Sie animieren, weiterhin den FREIeBÜRGER zu kaufen. Aber auch jede andere Straßenzeitung, die Ihnen weltweit in über 40 Ländern und in über 120 Städten angeboten wird.

Seit im Januar 1989 die erste Straßenzeitung in New York erschien, hat sich die Idee auf der ganzen Welt verbreitet. Tagtäglich verdienen sich so über 14.000 StraßenzeitungsverkäuferInnen selbstbestimmt ihren Lebensunterhalt. Die VerkäuferInnen erwerben die Zeitungen für maximal 50 % des Verkaufspreises.

Beim FREIeBÜRGER kostet eine Zeitung für den/die VerkäuferIn 1,10 Euro und wird ...

für 2,10 Euro verkauft. Vom Erlös können sie sich neue Zeitungen beschaffen. Aus einer wird zwei, aus zwei werden vier, und so weiter.

Damit die VerkäuferInnen möglichst viel Geld erhalten, sind die meisten Straßenzeitungen nicht darauf ausgelegt, möglichst viel Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften. Der Gewinn der VerkäuferInnen soll maximiert werden und die Einnahmen der Redaktion lediglich das Überleben und den qualitativen Bestand der Zeitung sichern. Weltweit erwirtschafteten StraßenzeitungsverkäuferInnen mehr als 40 Millionen Dollar im Jahr 2013 und verkauften laut INSP (International Network of Street Papers) mehr als 27 Millionen Exemplare.

Der Straßenzeitungsverkauf verändert Leben von Freiburg bis Hamburg und von London bis New York. Die Geschichte der deutschen Straßenzeitungen ist noch relativ jung. Mitte der 90er gingen mit „Biss“ in München und „Hinz&Kunzt“ in Hamburg die bundesweit ersten beiden Straßenzeitungs-Projekte an den Start.

Der FREIeBÜRGER, die Straßenzeitung für Freiburg, startete im Sommer 1998 und wurde von (ehemals) Obdachlosen ohne jegliches Know-how auf die Beine gestellt. Das Ziel war es am Anfang und ist es bis heute, Menschen in einer sozialen Notlage oder mit einem geringen Einkommen Hilfe zur Selbsthilfe zu ermöglichen und ihnen gleichzeitig ein Forum zu geben, in das sie sich selbst mit einbringen können. Generell darf jeder Straßenzeitungen verkaufen, der von Armut betroffen ist oder sich in einer sozialen Notlage befindet. Der Verkauf unserer sozialen Straßenzeitung FREIeBÜRGER ist ein niedrigschwelliges Hilfeangebot. Straßenzeitungen helfen in Not geratenen Menschen auch, wieder in ein gesellschaftliches Leben zurückzufinden und stellen damit eine wichtige soziale Institution dar. Weil sie häufig von wohnungslosen Menschen verkauft werden, gelten sie oftmals als Obdachlosenzeitschriften. Richtig ist, es sind Straßenzeitungen, die unter anderem auch von Obdachlosen verkauft werden. In erster Linie wollen die Menschen, die eine Straßenzeitung kaufen, obdachlosen und armen Menschen helfen. Die meisten lesen die Zeitung dann auch, einige lesen sie auch nicht, weil sie nicht weiter an der Straßenzeitung interessiert sind.

Für viele unserer VerkäuferInnen ist die Publikation des FREIeBÜRGER so viel mehr als nur eine Straßenzeitung. Sie bedeutet ein bisschen Geld, Arbeit, Würde, Aufmerksamkeit, Halt, Hoffnung. Und den KäuferInnen mit Selbstbewusstsein auf Augenhöhe gegenüber treten zu können, nicht mehr betteln oder gar im Müll nach Pfandflaschen suchen zu müssen, ist so wichtig für das Selbstwertgefühl. Zudem haben unsere VerkäuferInnen zusätzlich die Möglichkeit, Artikel für uns zu schreiben, in denen sie zum Beispiel auf ihre Situation und ihre Probleme hinweisen können. Viele schreiben auch einen Text für unsere Rubrik „Verkäufervorstellung“, die wir immer gerne publizieren, und stellen sich selbst vor. Auch freuen wir uns über die Unterstützung bei Aktionen, an unseren Infoständen und bei weiteren redaktionellen Tätigkeiten. Ohne VerkäuferInnen keine Straßenzeitung und ohne Straßenzeitung keine VerkäuferInnen!

Es gibt aber auch Probleme bei den Straßenzeitungen, und die sind vielschichtig. Die Konfrontationen auf der Straße werden härter. Mehr Obdachlose und Bettler schrecken Passanten ab und machen es den VerkäuferInnen schwerer, den Kontakt zu den Passanten aufzunehmen.

Die Gesellschaft ist auch immer weniger bereit, sich mit sozialen Problemen auseinanderzusetzen. Einige potenzielle KäuferInnen drücken den VerkäuferInnen lieber einfach ein oder zwei Euro in die Hand, kaufen aber keine Zeitung. Das ist natürlich gut gemeint, geht aber am eigentlichen Anliegen der Straßenzeitungen völlig vorbei. Wir wollen ja den VerkäuferInnen einen Lebenssinn geben und dass sie eine Zeitung verkaufen und eben nicht mehr wie bettelnde Menschen rüberkommen.

Ein Problem ist auch die Digitalisierung! Die Digitalisierung verdrängt Druckerzeugnisse vom Markt und macht natürlich auch vor den Straßenzeitungen keinen Halt. Das trifft die VerkäuferInnen besonders hart. Für sie zählt der Kundenkontakt, um möglichst viele Zeitungen zu verkaufen und um mit Menschen ins Gespräch zu kommen.

Straßenzeitungen können sich nicht wie andere Zeitungen im Internet anbieten. Ein Umzug der Straßenzeitungen ins Internet ergibt für die VerkäuferInnen absolut keinen Sinn.

Der FREIeBÜRGER und all die andere Straßenzeitungen weltweit haben in den letzten Jahrzehnten viel geleistet, in erster Linie vielen Menschen in sozialen Notlagen geholfen, und Begegnungen zwischen Menschen ermöglicht. Größere Straßenzeitungen als der FREIeBÜRGER haben auch kleinere und größere Sozialprojekte vorangetrieben. Es gibt noch viel zu tun, Armut ist überall sichtbar.

Wir dürfen uns nicht an die Tatsache und den Anblick von Armut gewöhnen oder gar wegschauen. Gehen Sie einen Schritt auf den/die VerkäuferIn zu, und kaufen sie ihm/ihr eine Straßenzeitung ab!

Für Sie ist es nur ein kleiner Schritt, für den/die VerkäuferIn ein wichtiger, großer Schritt in seinem/ihrem Leben.

Autor: Euer Oliver (FREIeBÜRGER)

Bildnachweis: Oliver, Redaktion FREIeBÜRGER

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